Wesen des Räucherns

Faszination des Rauches

Der Rauch bzw. das Räuchern begleitet den Menschen seit seiner der Entdeckung des Feuers und stellt für ihn seither ein Faszinosum dar, was ihn immer wieder neu in den Bann zieht. Der deutsche Kunsthistoriker Dr. Torkild Hinrichsen fasst das Faszinierende am Rauch und die Deutung seines Wesens wie folgt zusammen:

Rauch wurde vom Naturphänomen zum Teil der Kulturgeschichte: Ein Faszinosum voller Geheimnisse: Rauch gehört nämlich zu keinem Elemente, nicht zu Feuer oder Wasser, nicht zur Erde oder Luft. Obgleich sichtbar und riechbar, bleibt er seltsam substanzlos. Leichter als Luft, verbindet er Erde und Himmel, Menschen und Gottheit, eine Hinwendung von uns hier unten an die dort oben, sichtbares Symbol des Gebetes, sichtbares Opfer der Urzeiten, Träger lieblichster Düfte, den Göttern sich angenehm zu machen. Der Duft des Himmels wurde auf der Erde neu erfunden, ein blasser Abglanz der Düfte des verlorenen himmlischen Paradieses und hoffnungsvolle Vorausschau auf die verhießenen paradiesischen Zustände lieblich duftender Gärten jenseits allen irdischen Gestankes, den Gerechten verhießen am Jüngsten Tag.

Wesensmerkmale des Räucherns

Aus der philosophischen Perspektive betrachtet, verfügt das Räuchern im Kern über zwei wesentliche Aspekte, die sein Wesen für den Menschen ausmachen: Das Erdenhaft-Archaische sowie das Geistig-Transzendente.

Werbung

1. erdenhaft-archaisch

Dieses Wesensmerkmal lässt sich besonders an der angeborenen Faszination des Menschen für Düfte, Feuer und Rauch festmachen. Die enge Verbindung des Räucherns zum Element Feuer ist hier maßgeblich prägend. Die Erfindung des Räucherns geht vermutlich mit der Entdeckung des Feuers vor etwa 1,5 Millionen Jahren einher. Wer fühlt sich beim Anblick von verbrennendem Räucherwerk, wenn es prasselt und der Rauch aufsteigt, nicht auch heute noch oft an das urnatürliche, mystisch-archaische Wesen von Feuer erinnert und spürt dessen Urgewalt? Das Feuer lässt sich hier als Ausdruck der Materie deuten, da es eines der grundlegenden Elemente jener bezeichnet. Somit steht dieser Aspekt im Kern für das Materielle.

Wesen des Räucherns – Räucherwerk

2. geistig-transzendent

Dieser Aspekt zeigt sich besonders beim rituellen bzw. zeremoniellen Räuchern, wenn der Mensch im Alltag innehält und anhand des Vollzugs einer Räucherung aus diesem heraustritt sowie sich in diesem Moment auf etwas darüber Hinausgehendes ausrichtet (sei es auf sich selbst oder auf etwas Göttliches hin). Dazu kommt die Tatsache, dass Räucherwerk in den meisten Kulturen seit alters her zur Kontaktaufnahme mit Ahnen und Geistern, als Opfer an Gott / die Götter oder als „Götterspeise“ verbrannt wird. Ebenso glaubten bzw. glauben die Menschen, dass mittels des Räucherns von bestimmten Pflanzen der ihr innewohnende Geist befreit wird, der für unterschiedliche Anliegen und Zwecke dienstbar gemacht werden kann.
Seinen Höhepunkt findet dieser Aspekt im Ästhetischen, also wenn das Räuchern als Ritual gleichsam in seiner Form vollendet wird und damit zum Ausdruck von etwas Übernatürlich-Transzendenten wird. Räucherungen weisen fast immer eine irgendwie geartete Verbindung zum Numinosen auf: Ob in den kirchlichen Liturgien, buddhistischen und schamanischen Ritualen, in der japanischen Koh-Do-Zeremonie oder beim heimischen Gebet / Meditation – dieses Charakteristikum spiegelt sich in fast allen Verwendungszwecken von Räucherwerk wieder.

Diese beiden Aspekte stehen sich zwar auf den ersten Blick konträr gegenüber, bilden jedoch bei genauerer Betrachtung eine untrennbare symbiotische Einheit, da sie sich einander bedingen und hier der Dualismus von Immanenz und Transzendenz sichtbar wird. Die Wesensmerkmale zeigen sich in den verschiedensten Anwendungsmöglichkeiten von Räucherwerk und durchziehen sie gleichsam wie einen roten Faden.

Ratgeber zum Räuchern

 

Quellen:

  • Fuchs, Christine: Räuchern – im Rhythmus des Jahreskreises. Die Kraft der Natur durch achtsam gestaltete Räucherrituale im Jahreslauf erfahren; Stuttgart 2015, S. 33f.
  • Hinrichsen, Torkild: Eine Riechprobe, In: Erzgebirge: Der Duft des Himmels; Altonaer Museum in Hamburg 1994, S. 11.
  • Huber, Franz X.J./ Schmidt, Anja: Weihrauch, Styrax, Sandelholz. Das Erlebnisbuch des Räucherwerks; Bern – München – Wien 1999, S. 25.