Rauchfass & Weihrauchschiffchen

Das Rauchfass (lat. thuribulum, turibulum, thymiamatorium, incensorium, fumigatorium, suffitorium) bzw. ein Räucherschwenker wird seit alter Zeit in unterschiedlichen Kulturen und Religionen für die liturgische und zeremonielle Räucherungen verwendet.
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Heute wird ein solches Weihrauchfass vor allem in den christlichen Kirchen benutzt, das seinen Ursprung im römischen Kult und Zeremoniell hat. Als die Christen um das 3./4. Jahrhundert herum die Verwendung von Räucherwerk auch in ihren Kirchen einführten (siehe den Artikel „Kirchenweihrauch“), übernahmen sie dies größtenteils aus den vorchristlichen Kulten von Juden, Griechen und Römern, denen sie eine neue Bedeutung zuwiesen. So adaptierten sie auch den römischen Brauch ein solches Rauchfass (thymiamaterium → vom griech. ϑυμιατήριον) in der Liturgie zu verwenden:

Wenn im Gottesdienst des Ersten römischen Ordo der Papst seinen Einzug hält, gehen ihm sieben Leuchterträger und ein Subdiakon mit dem thymiamaterium voraus, ein Brauch, in dem altes römisches Hofzeremoniell weiterlebt.“ (Jungmann I 410)
  • Was ist ein Weihrauchfass?

Bereits die antiken Völker kannten Rauchfässer mit Deckel und Kettchen. Ein solches Rauchfass mit Hängevorrichtung (Kettenkonstruktion) ist ein halbkugelig, zylindrisch bzw. polygonal geformtes Räucherbecken, das in der Regel mit einem schmalen Fuß versehen ist (für das Einlegen der Kohle). Es wird aus Materialien wie Bronze, Eisen, Gold, Kupfer, Messing oder Silber gefertigt. Solche Rauchfässer gibt es in Ost- und Westkirche vermutlich seit etwa dem 4. Jahrhundert, spätestens jedoch seit 624. Denn aus dieser Zeit stammen archäologische Funde von einem Rauchfass mit Kette in den Ruinen einer zerstörten Basilika. Außerdem zeugen archäologische Funde bei den Kopten, die sich etwa in die Zeit zwischen 6. und 8. Jahrhundert datieren lassen, von einer Vielfalt an Rauchfässern in der frühen Kirche: So wurden hier neben runden, polygonen oder viereckigen Weihrauchfässern mit Ketten auch einfache Räucherpfannen und Räucherbecken (mit und ohne Deckel) ausgegraben.

Hängendes Weihrauchfass (turibulum)

Der heute gebräuchliche Weihrauchschwenker kam in der Westkirche ab dem 9. Jahrhundert auf, von wo er später auch den Weg in die Ostkirche fand. Er ist zusätzlich mit einem aufziehbaren Deckel (mittels Zugkette) versehen. Allerdings werden in der Ostkirche auch noch heute deckellose Räucherfässer (Räucherampel) benutzt. Besonders die koptische Kirche kennt heute noch ausschließlich Räucherfässer ohne Aufsatz bzw. Deckel. Außerdem gibt es bei den altritualistischen Sekten der russischen Kirche sowie teilweise in den Kirchen des Balkanraumes Weihrauchfässer (im Balkan als „Katzi“ bezeichnet → vom slaw. Wortstamm „Kad“ für „räuchern“), die aus einem leichten Metall gearbeitet sind und sich aus einem mit den Flächen aneinander liegenden Doppelkegel zusammensetzen, wo ein langer Stiel befestigt ist. Letzterer dient zum Halten des Rauchfasses.

Das Rauchfass ist an eine Kettenkonstruktion angebracht, die aus drei (manchmal auch vier) zusammenlaufenden Ketten besteht, welche oben in einem Handgriff mit Ring oder Kugel münden. In der westlichen Kirche gibt es ein solches Weihrauchfass frühzeitig mit einem durchbrochenen aufziehbarem Deckel ausgestattet, wohingegen es in den Ostkirchen zumeist deckellos ist. Räucherfässer aus Edelmetall besitzen zudem noch eigens eine Glut- bzw. Feuerschale (lat. concula, scutella) für Holzkohle.

Im Laufe der Zeit und in den verschiedenen Kunstepochen hat sich auch die Art der Ausschmückung der Räucherfässer immer wieder verändert. Besonders in der Spätromanik und in der Gotik erfuhr das Rauchfass eine reiche architektonische Aufstufung (der Deckel in Turm- und Kuppelform) und Ausgestaltung.

  • Wozu dienen Rauchfässer?

In der kirchlichen Liturgie dient das Rauchfass zum Beweihräuchern (Inzensieren) von bestimmten Dingen wie u. a. Altar, Evangeliar, Allerheiligstes (zur Aussetzung), beteiligte Personen an dafür entsprechend vorgesehenen Stellen. (hierin befindet sich eine glühende Kohle, auf die Weihrauchkörner zum Verbrennen gelegt werden). Als verantwortlicher Ministrant für das Tragen des Weihrauchfasses gilt der so genannte Thuriferar (Rauchfassträger). Das Rauchfass wird dabei mittels spezieller Räuchertechniken (Schwenken des Fasses nach bestimmten Vorgaben) in der katholischen Liturgie verwendet.

  • Wie wird ein Weihrauchschwenker benutzt?

In den heutzutage erhältlichen Rauchfässer befindet sich normalerweise auch eine herausnehmbare Glutpfanne. In diese werden glühende Holzkohlen eingelegt. Mittels ständigem Schwenken des Rauchfasses wird die Kohle richtig angefacht. Danach wird Räuchergut in Form von Weihrauch und anderen Räucherstoffen mit Hilfe eines Löffelchens auf die entzündeten Kohlen gelegt, der dann den gewünschten Rauch entwickelt. Dieses Auflegen des Weihrauchs wird normalerweise durch den Priester an den dafür vorgesehenen Stellen im Gottesdienst vollzogen.

  • Welche symbolische Bedeutung hat das Rauchfass?

Dem Rauchfass wird in der christlichen Tradition auch eine symbolische Bedeutung zugemessen: So wird es als Sinnbild für die menschliche Natur Christi bzw. als Symbol des Fleisches Christi gedeutet, aus dem während seines Erdenlebens der Wohlgeruch versöhnender Gebete und guter Werke zu Gott emporstieg, das zuletzt am Kreuze Gott zum lieblichen Wohlgeruche, zu unserer Erlösung geopfert wurde. Das Feuer wird dabei häufig mit dem Heiligen Geist bzw. als Liebe Christi und der aufsteigende Weihrauch als Gottheit Christi identifiziert. Ebenfalls wird das Rauchfass häufig als das mit dem im Gebet sich zu Gott erhebende Herz gedeutet. In der christlichen Kunst wird es zudem als Attribut verschiedenen Heiliger zugeschrieben, so u. a. Aaron, Abraham, Laurentius oder auch diversen Engeln.

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  • Wo befindet sich das berühmteste Weihrauchfass der Welt?

Jakobsweg – Santiago de Compostela

In der Kathedrale von Santiago de Compostela (Spanien) befindet sich das berühmteste Weihrauchfass der Welt mit einer Größe von 1,60 Meter und einem Gewicht von 54 Kilogramm, das auch Botafumeiro (aus den galicischen Wörtern „botar“ (ausstoßen) und „fume“ (Rauch) zusammengesetzt) genannt wird. Es ist an einem ca. 30 Meter langem Seil befestigt und kommt nur zu Hochfesten und besonderen Ereignissen zum Einsatz. Dazu muss es von acht Männern (werden als „tiraboleiros“ bezeichnet) in Bewegung gesetzt werden, die es bis unter die Decke der Kathedrale schwingen.

Das weltweit größte Rauchfass mit einer Höhe von 3,82 m befindet sich übrigens in der Jugendkirche Bielefeld. Im Guinessbuch der Rekorde ist als größtes Weihrauchfass jenes aus der St.-Jokodus-Kirche in Wiesental angegeben, das 1,94 m hoch ist und einen Umfang von 4,66 hat. Es wurde von dem Künstler Otfried Kallfass gestaltet.

  • Wie wird ein Rauchfass gereinigt?

Bei leichten Verschmutzungen reicht häufig schon die Verwendung eines in Spiritus getauchten Staubpinsels, der zum Säubern des Weihrauchfasses eingesetzt wird. Ebenfalls funktioniert auch mit einem Schuß Spiritus oder Borax versetztes Regenwasser. Anschließend wird das gut abgetrocknete Gerät dann mit einem Polierleder nachgerieben.
Zum Reinigen von stark mit Harzen verklebten Rauchfässern (bei versilberten Exemplaren) eignet sich hervorragend Buchenaschenlauge oder alternativ Potaschenlauge. Dazu muss die Lauge vor dem Gebrauch genügend gesetzt sein, so dass sie ohne Aschenpartikel (notfalls mit Hilfe eines Siebs) abgegossen werden kann. Die Lauge wird in einen Topf gegeben und dort hinein anschließend das zu säubernde Rauchfass. Jetzt wird das Fass im Absud solange gekocht, bis sich die Harzreste lösen. Für ältere und edlere Geräte empfiehlt sich zur Reinigung ein Absud aus Seifenkraut (Seifenwurz) oder Bier.

  • Was ist ein Weihrauchschiffchen?

Weihrauchschiffchen (naviculum)

Schon Ovid erwähnt in seinen Schriften ein „acerra“ bzw. „acerra thuris custos“, womit ein zylinder- oder trichterförmiges Behältnis zur Aufbewahrung von Weihrauch beschrieben wird, aus dem bereits in der römischen Antike das Rauchfass mit Weihrauch bedient wurde. Ab der Karolingerzeit kam in der kirchlichen Liturguie dann auch dieses spezielle Behältnis (lat. acerra, buticula, buxta, capsella, capsula, pyxis, scrinium, scutella, vasculum oder vas) aus edlem oder unedlem Metall (manchmal auch aus Achat, Elfenbein Holz oder Perlmutt) zur Aufbewahrung des Weihrauchs hinzu. Hieraus entwickelte zum Ende 12. Jhrdts. / Anfang 13. Jhrdts. das noch heute gebräuchliche Weihrauchschiffchen (lat. navicula, naviculum, navis, navicella, naveta) mit Standfuß. Dieses dient zu Aufbewahrung und Transport des Weihrauchs im Gottesdienst. Ein weiterer Ministrant ist für das Tragen des Schiffchens (lat. naviculum, acerra, incensorium) zuständig und heißt Navikular (Schiffchenträger). In diesem Schiffchen wird der Weihrauch aufbewahrt und kann dann im Gottesdienst mit einem kleinen Löffelchen (lat. cochlear, coclear) entnommen werden.

Exkurs: Weihrauchfässer im Buddhismus

Nicht nur das Christentum, sondern auch der Buddhismus kennt die Verwendung von Weihrauchfässern. Diese unterscheiden sich in Form und Ausführung nur in kleinen Details von den katholischen Pendants. Zumeist sind sie nur etwas grober gearbeitet. In den kultischen Handlungen bedienen sich die buddhistischen Mönche beim Räuchern nicht einer Kette, sondern einer kleinen Stange, an dem das Weihrauchfass hängt. Es wird darin eine Mischung verschiedener Harze verbrannt.

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Quellen:

  • Braun, Joseph: Liturgisches Handlexikon; Regensburg 1924, S. 288.
  • Eisenhofer, Ludwig, Handbuch der katholischen Liturgik (2 Bände); Freiburg im Breisgau ²1941, Band 2, S. 405ff.
  • Fischer-Rizzi, Susanne: Botschaft an den Himmel. Anwendung, Wirkung und Geschichten von duftendem Räucherwerk; München 1996, 20ff.
  • Jungmann, Josef Andreas: Missarum Sollemnia. Eine genetische Erklärung der römischen Messe, 2 Bände; Wien ³1952.
  • Krumm-Heller, Arnold: Osmologische Heilkunde. Die Magie der Duftstoffe; Berlin 1955, S. 18, 27.
  • Lurz, Wilhelm: Ritus und Rubriken der Heiligen Messe; Würzburg ²1941, S.60.
  • Onasch, Konrad: Lexikon Liturgie und Kunst der Ostkirche: unter Berücksichtigung der alten Kirche; Berlin/München 1993, 380f.
  • Sauer, J.: Art. Rauchfaß, In: Buchberger, Michael u.a. (Hg.): Lexikon für Theologie und Kirche 7; Freiburg im Breisgau 1937, 652f.
  • Welter, Benedikt: Art. Rauchfass, In: Kasper, Walter u.a. (Hg.): Lexikon für Theologie und Kirche 8; Freiburg im Breisgau ³1995, 851.