Religiöses Räuchern

Das Räuchern im religiösen Kontext hat seinen Ursprung bereits vor etwa 60.000 Jahren und wird bis in unsere moderne Zeit hinein praktiziert. Es gehört somit zum festen religiösem Brauchtum in der Menschheitsgeschichte.
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Anfänge des religiösen Räucherns

Religiöses Räuchern

Schon in den Ritualen der frühen Religion des Schamanismus war das Räuchern üblich und bereits in den Höhlen der Steinzeitmenschen fanden sich Überreste verbrannter Kräuter in den Feuerstellen, wobei uns bei diesen der konkrete Verwendungszweck verborgen bleibt. Archäologische Funde von Räucherkuchen aus Dänemark und Südschweden, die sich auf die Zeit um 7200 v. Christus datieren lassen, belegen religiöse Räucherungen in den schamanischen Kulten. Die Schamanen (Medizinmänner) verbrannten Räucherwerk zu verschiedenen religiösen Zwecken wie u. a. als Kommunikationsmittel mit der Geisterwelt, für rituelle Heilungen, für Glück bei der Jagd oder zur Vertreibung schlechter Geister. Häufig handelte es sich bei diesem Räucherwerk um psychoaktive Pflanzen und Stoffe (z.B. Mohn, Canabis oder Steppenraute), die den Schamanen dabei halfen sich in Trance zu versetzen, um in diesem bewusstseinserweiternden Zustand ihre magisch-religiösen Handlungen durchzuführen.

Religiöses Räuchern in den großen Kulturen & Religionen

Räuchern in der Religion

Später im Altertum und in der Antike zählte das religiöse Räuchern bei den damaligen Hochkulturen wie u. a. Ägypten, Babylon, Griechenland, Minos, Rom, Persien, China oder Indien zum festen Bestandteil ihrer Rituale und Zeremonien. Über die antiken Kulturen und Kulte fand das religiöse Räuchern schließlich auch in den Buddhismus sowie in die monotheistischen Religionen (Christentum, Judentum und Islam) Eingang, in denen es bis in unsere Tage praktiziert wird. Aber auch bei den Völkern und Volksstämmen Mittel- und Nordeuropas (Kelten, Germanen, Wikinger etc.) war das Verbrennen bzw. Verglimmen von Räucherstoffen für religiöse Zwecke ebenso weit verbreitet wie bei den Aborigines Australiens.

Wichtige Hochkulturen, Kulte & Religionen im Überblick

• Altes Ägypten Bei den unterschiedlichsten Anlässen brachten die Ägypter ihren Göttern in den Tempeln Rauchopfer dar, wobei das Weihrauch-Harz als der edelste aller Räucherstoffe galt und als Duft der Götter verehrt wurde. Laut Forschungen lässt sich dieser Duft in der ägyptischen Theologie als gemeinschaftstiftendes Medium zwischen Gott und Mensch deuten.

• Judentum Die Israeliten kannten das Räuchern zum Gottesdienst im Tempel und zum Gebet. An vielen Stellen im Alten Testament werden Weihrauch, Myrrhe und weitere Räucherstoffe genannt, die in den jüdischen Ritualen eingesetzt wurden.

• Antikes Griechenland Die Griechen hielten in ihren Tempeln Räucherrituale zur Ehre und Besänftigung der Götter ab (zum Schutz vor Naturkatastrophen, für eine gute Ernte, um Segen für eine bevorstehende Schlacht zu erbitten, etc.). Ebenfalls wurde viel Räucherwerk in den spätantiken Mysterienkulten verbrannt.

• Rom Im alten Rom wurden ähnlich wie bei den Griechen Weihrauch und andere Räucherstoffe zu Ehren der Götter in bestimmten Ritualen im Tempel als Rauchopfer verbrannt. Zudem wurde in der späteren Kaiserzeit Weihrauch als Rauchopfer zu Ehren des Kaisers auf öffentlichten Plätzen dargebracht.

• Christentum Im christlichen Gottesdienst (katholische Kirche, orthodoxe und orientalische Kirchen) hat das Verbrennen von Weihrauch von alters her einen festen Platz. Dem Räuchern in der Liturgie werden dabei unterschiedliche Bedeutungen beigemessen: als Ausdruck menschlichen Gebetes, zur Verehrung und Anbetung Gottes, als „geistiges“ Opfer an Gott, zur Gottesbegegnung, zur Vertreibung des Teufels und von Dämonen sowie zur Schaffung einer heiligen Atmosphäre im sakralen Kirchenraum.

• Indianische Kulturen In den indianischen Kulturen Nord-, Mittel- und Südamerikas hat das Räuchern ebenfalls eine stark religiöse Bedeutung: Es wird u.a. zur Kontaktaufnahme mit der Geister- und Ahnenwelt, zur Verehrung der Götter, zum Vertreiben schlechter Geister sowie bei Beerdigungen als „Reisemittel“ für die verstorbene Seele geräuchert.

• Hinduismus Im hinduistischen Indien werden seit vielen Jahrtausenden verschiedenste Räucherstoffe als Opfer zu Ehren der Götter Brahma, Vishnu, Krishna oder Shiva mehrmals täglich in den Tempeln verbrannt. Dabei gilt der aufsteigende Rauch des Räucherwerks traditionell als Nahrungsmittel für die Götter.

• Buddhismus Auch im Buddhismus gehört das Räuchern zum festen Bestandteil der Religion: Räucherungen als Opfer für die buddhistischen Gottheiten sind ebenso weit verbreitet wie das Räuchern zur Vertreibung schlechter Geister. Darüberhinaus wird Räucherwerk als Hilfsmittel für die Versenkung und Meditation eingesetzt.

• Islam Aus Indien gelangten die Räucherstoffe über die Seidenstraße im 5./6. Jahrhundert auch bis nach Arabien. Im Islam ist das Räuchern besonders zur rituellen Reinigung von Räumen verbreitet. Außerdem kommt es zur Reinigung von Personen neben den den traditionellen Reinigungszeremonien „Ghusl“ und „Wudu“ zum Einsatz. Während dieser Räucherzeremonien werden von den Muslimen (besonders im Sufismus) häufig Gebete sowie die 99 Attribute Gottes (Dhikr) rezitiert.

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Gründe für das Räuchern in der Religion

Die meisten Kulte und Religionen nutzen das Räuchern von aromatischen Hölzern, Harzen und Stoffen bereits seit vielen Jahrtausenden, wobei religiöse Räucherungen je nach Religion bzw. Kultur mit unterschiedlicher Intention betrieben werden:

  • um Götter, Feen und Geister gnädig zu stimmen
  • als Kommunikationsmittel zu Göttern & Gottheiten
  • zur Vertreibung schlechter Geister
  • zur Unterstützung von Meditation und Kontemplation
  • zur Erlangung von Wissen und Weisheit
  • zur Divination (Weissagung, Orakel)
  • für rituelle Heilungen
  • im Totenkult: um die Seelen von Verstorbenen ins Elysium / Unterwelt / Himmel zu geleiten
  • im Schamanismus: zur Reise in die Sphäre der Geister

Zumeist wurde der aufsteigende Rauch als Transportmittel von Bitten an die Götter gesehen. Wahrscheinlich konsumierten die Menschen während einiger religöser Rituale auch den Rauch von bestimmten psychoaktiven Pflanzen und Substanzen, um auf diese Weise Visionen zu erhalten und eine Verbindung zum Göttlichen herzustellen.

Symbiose von Kult und Duft

Es lässt sich sagen, ohne Duftstoffe gibt es keine echten Rituale und umgekehrt: Als erste unter den Menschen hatten die Priester der alten Völker jene anziehende Wirkung erkannt, die Düfte auf den Menschen ausüben konnten. Von allen Sinnesreizen waren die Gerüche am wirksamsten, weshalb sich die Priester und Schamanen diesen Umstand zunutze machten und seither Duft- bzw. Räucherstoffe in ihren Ritualen und zeremoniellen Handlungen einsetzten. Mit der mystischen und leicht benebelnden Wirkung, die mit dem Räuchern von verschiedensten Stoffen erzeugt wurde, begleitet von erhabenen Klängen, geheimnisvollen Worten und edlen Gewändern, wurden die Menschen von früher bis heute in den Bann religiöser Rituale und Zeremonien gezogen. Auf diese Weise wurde und wird der Mensch für einen gewissen Zeitraum aus seiner Alltagswelt herausgehoben und in eine traumhaft-übersinnliche Welt entrückt.
 

Räucherwerk in Kultur & Religion

 
Quellen:

  • Azal, Roya: Räuchern im Islam (3. Februar 2016), abgerufen am 07. September 2017.
  • Dierkens Oswald: Zur Geschichte der Parfümerie und Kosmetik, In: Dragoco Report 4/1968, S. 75-82.
  • Fischer-Rizzi, Susanne: Das Buch vom Räuchern; Aarau (Schweiz) 2009, S. 22f.
  • Wollner, Fred: Duftender Rauch für die Seele. Vom praktischen Umgang mit Räucherwerk; München 1998, S. 109ff.