Räucherwerk im Christentum

Ich sah, ein Engel kam, und er trug ein goldenes Räuchergefäß und trat vor den Altar. Und ihm wurde viel Räucherwerk gegeben … Und der Duft des Räucherwerkes stieg durch die Gebete der Heiligen und aus der Hand des Engels zu Gott empor.“ (Offb 8, 3-4)

Im Christentum hat der Gebrauch von Räucherwerk, insbesondere von Weihrauch, eine sehr lange Tradition und findet bereits in den Büchern des Neuen Testaments Erwähnung, wie die vorangehende Textstelle beweist. Etwa ab dem 3./4. Jahrhundert wird er von den Christen dann auch in der Liturgie verwendet.

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Ursprung & Entwicklung von Weihrauch in den Kirchen

  • Römischer Kult

Pantheon in Rom

In der gottesdienstlichen Praxis der Urchristen wurde kein Weihrauch verwendet, da er von den Römern verschwenderisch für ihre Triumphzüge in profaner Weise missbraucht wurde und und zudem ein heidnisches Opfermittel im römischen Kaiserkult war. Deshalb wurden einige Christen, die Weihrauch benutzten, welche man „Thurificati“ nannte, sogar aus der christlichen Gemeinschaft ausgeschlossen, wie uns der römische Schriftsteller Tertullian (150 – 230 n. Chr.) berichtete. Räucherungen waren bei den Christen aber bereits im 2. Jahrhundert zu Begräbnissen üblich, die aus dem heidnischen Brauchtum übernommen wurden. In diesem Kontext steht auch die Tradition bei Reliquienprozessionen und an den Gräbern der Märtyrer Räucherwerk zu verbrennen. Tertullian rechtfertigt das Verbrennen von großen Mengen von Weihrauch bei christlichen Begräbnissen als Ausdruck einer großen Liebe der Christen zu ihren Verstorbenen. Erste Zeugnisse der liturgischen Verwendung von Weihrauch finden sich bei Ephraim dem Syrer (306-373) und ab dem 5. Jh. n. Chr. gibt es Belege, die eine Räucherung des Altares mit Weihrauch vorschreiben. Der Sinneswandel erfolgte im 3. Jhrdt. n. Chr., als Kaiser Konstantin das Christentum zur Staatsreligion erhob und im Laufe der folgenden Jahre christliche Priester zu römischen Beamten bzw. zu religiösen Würdenträgern befördert wurden. Auf diese Weise wurden heidnische Priester durch christliche Priester ersetzt, wobei Titel, Privilegien, Kleidung und teilweise auch Bestandteile der heidnischen Riten bzw. Beamtenetikette übernommen und christlich umgedeutet wurden. So trat an die Vielzahl der römischen Götter nun der eine Gott. Im römischen Zeremoniell war es als Statussymbol üblich, dass beim Einzug eines hochgestellten Beamten (dazu zählten jetzt auch die christlichen Bischöfe) ein Leuchterträger (Akolyth) sowie ein Rauchfassträger (Navicular) voraus gesandt wurden. Dieser Brauch lebte im päpstlichen Zeremoniell fort: Dem Bischof von Rom gingen bei dessen Einzug sieben Leuchterträger und ein Subdiakon mit dem Rauchfass (thymiaterium) voraus. Ebenso übernahmen die frühen Christen die Weihrauchriten aus dem römischen Kult und bezogen das „Herr und Gott“ (dominus et deus), was vorher dem Kaiser galt nun auf den Gott der Bibel. Bereits in einem Reisebericht der Sylvia von Aquitanien aus den Jahren 385-388 n. Chr. wird von der Verwendung des Weihrauchs innerhalb des christlichen Gottesdienstes und seiner wohltuenden Wirkung berichtet. Im sonntäglichen Gottesdienst der Gemeinde von Jerusalem um etwa 390 n. Chr. wurde Räucherwerk in die Auferstehungsbasilika hineingetragen, um sie mit Wohlgeruch zu erfüllen. Die Änderung der Sichtweise von einer profanen zu einer religiösen Deutung von Räucherungen vollzog sich bereits zunehmend ab dem 5. Jahrhundert, wie Hinweise in den Schriften von Pseudo-Dionysius Areopagita belegen. Eine religiöse Sinngebung des Weihrauchs ereignet sich dann sehr verstärkt ab dem 8. Jahrhundert im Frankenreich. Hier wird Weihrauch nun einerseits betender Ausdruck der Gemeinde und andererseits selbst ein heiliger Gegenstand sowie zum Träger des göttlichen Segens, sobald der Priester seine Segensworte über ihn gesprochen hat.
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  • byzantinische und gallikanische Einflüsse

Rauchfass mit brennendem Weihrauch

Die Zeremonien der Westkirche waren stark durch die gallikanische Liturgie beeinflusst und haben besonders ihr die heute gängigen liturgischen Bräuche von Weihrauch zu verdanken: „Während [die] römische Weise nur das Mittragen von Weihrauch beim Einzug des Papstes und beim Gang zur Lesung des Evangeliums kannte, tritt auf gallischem Boden im Hochamt sogleich eine mehrfache Beräucherung ein: Es wird mit dem geschwungenen Rauchfaß der Altar nach fester Ordnung umschritten, zuerst am Beginn der Opfermesse, dann bald auch am Beginn der Vormesse. Zur Lesung des Evangeliums muß der Weihrauch nicht nur das Buch umwallen, sondern nach zeitweilig geltendem Brauch auch in die versammelte Gemeinde getragen werden, was vorübergehend zu einer Mehrzahl von Rauchfässern führt.“ (Jungmann I 101f.) Die Inzensierung des Altares am Beginn von Vor- und Opfermesse ist jeweils der eigentliche Erföffnungsritus und deutet das Herausgehobensein von heiliger Handlung und Liturgie aus der „sündenbefleckten Welt“ in eine „Atmosphäre des Heiligen“ (vgl. Jungmann I 413). An dieser Stelle lassen sich auch Parallelen zum jüdischen Kult sehen, wo der Gottesdienst vom Hohepriester nicht ohne Räucherwerk begonnen werden durfte (vgl. Lev 16,12). Das heute praktizierte Schwenken von Weihrauch in der Kirche kam übrigens ebenfalls erst im 9. Jahrhundert auf. Die gallikanischen Riten waren selbst wiederum von der byzantinischen Liturgie beeinflusst. So finden sich die mehrfachen Inzensierungen in noch verstärkterer Form in der byzantinischen Liturgie wieder.

Seit dem 11. Jahrhundert ist es beim Absingen des Praeconium Paschale in der Osternacht auch üblich, dass durch den Diakon in das Wachs der Osterkerze fünf vorher durch den Priester gesegnete Weihrauchkörner in Kreuzform eingedrückt werden. Ebenfalls ist es seit dem späten Mittelalter römischer Brauch bei der Konsekration von Altären zur Salbung der Mensa auf den fünf Salbstellen je fünf Weihrauchkörner (in Kreuzform angeordnet) zu verbrennen. Zudem ist es bei einer solchen feierlichen Altarweihe bereits seit dem 8. Jahrhundert Tradition zur Einsetzung der Reliquien in den Altar drei Weihrauchkörner beizufügen. Spätestens ab dem 14. Jahrhundert ist Weihrauch dann auch ein fester Bestandteil in der heiligen Messe und wurde auch bei Beerdigungen und Prozessionen verbrannt.

  • Jüdische Tradition

Ein weiterer Traditionsstrang hinsichtlich des Ursprungs liturgischen Weihrauchs ist im Judentum und im Beginn des Christentums selbst zu suchen:

  1. Einerseits gab es bereits in der jüdischen Religion eine ausgeprägte Räucherkultur, an die man anknüpfen konnte. Hier seien die kultischen Handlungen der Israeliten erwähnt, bei denen im Jerusalemer Tempel zweimal täglich Quetoret verbrannt wurden.
  2. Andererseits berichten bereits die frühen christlichen Schriften, die man später zum Neuen Testament zusammenfasste, von Weihrauch und Myrrhe als Geschenkgaben zur Verehrung des geborenen Erlösers und Gottessohns. Derartige Geschenke waren in dieser Zeit nur der reichen Oberschicht vorbehalten. Ebenso berichtet schon die Offenbarung des Johannes 8,3-5 über die spirituelle Wirkung des Weihräucherns. Der Weihrauch dient als geistige Brücke über die Engel (ein Engel legt Räucherwerk als Gebete der Menschen mit einer Räucherschaufel auf den himmlischen Rauchopferaltar), um den Gebeten der Menschen bei Gott Gehör zu verleihen. Das Räucherwerk ist hier also Kommunikationsmittel zwischen Gott und Mensch. In dieser Funktion vermag Weihrauch die Gedanken zu reinigen und zu einem Gebet verdichten, das dann zu Gott aufsteigt. Schließlich findet sich auch in der Geburtsgeschichte Jesu ein Hinweis auf die Bedeutung von Räucherwerk im jüdisch-christlichen Kontext, als die drei Magier/ Könige dem Neugeborenen die Ehre mit Geschenken in Form von Gold, Weihrauch und Myrrhe erweisen. Weihrauch und Myrrhe können hier als Zeichen der königlichen Göttlichkeit Jesu im Sinne eines endzeitlichen Messiaskönigs gedeutet werden

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Verwendung von Räucherwerk im Gottesdienst

Seine Formvollendung findet das rituelle Räuchern im Christentum besonders in den feierlichen Liturgien der Ostkirche sowie im außerordentlichen römischen Ritus der Westkirche, wo es in unterschiedlichen gottesdienstlichen Handlungen in ästhetischer und symbolischer Perfektion zum Einsatz kommt.

  • Westkirche (römisch-katholische Kirche)

In den vergangenen Jahrhunderten hat sich innerhalb der römisch-katholischen Liturgie eine Vielzahl an rituellen Handlungen von herausgebildet. So findet Weihrauch heute bei folgenden Gottesdienstformen Verwendung:

  • zum feierlichen Hochamt am Sonntag (bei Ein- und Auszug, Inzensation/ Beweihräucherung von Altar, Evangeliar, Kreuz, eucharistischen Gaben, Priester(n), Messdienern und Gemeinde)
  • beim Stundengebet (Tagzeitenliturgie), hier vorallem zu Laudes und Vesper
  • bei Aussetzung des Allerheiligsten / eucharistische Anbetung (besonders zu Prozessionen und Andachten)
  • bei Beerdigungen bzw. Begräbnisfeiern

Es ist üblich bestimmte Gegenstände und Personen mit Hilfe des Weihrauchfasses zu beweihräuchern, was auch als „inzensieren“ (vom Lat. incendere: „anzünden“, „verbrennen“) bezeichnet wird. Hierunter fallen:

  • das Allerheiligste (eucharistische Gaben: Leib und Blut Jesu in Form von Hostie und Wein)
  • alle Christussymbole (dazu zählen Altar, Evangeliar, Priester, Altarkreuz, Osterkerze, Weihnachtskrippe und auch die Gläubigen)
  • bei einer Begräbnisfeier werden der Sarg und das offene Grab beweihräuchert


Weihrauchmischung im Christentum

Ebenso wird Weihrauch beim Vollzug der Sakramentalien wie Benediktionen (Segnungen) bzw. Weihen (z. B. Segnung des Taufwassers oder der Osterkerze) benutzt. Beim Einlegen des Weihrauchs in das Rauchfass spricht der Priester im überlieferten Ritus der katholichen Kirche in der Regel die folgenden lateinischen Worte „Ab illo benedicaris in cuius honore cremaberis. Amen.“ (zu Deutsch: „Es segne dich Derjenige, zu dessen Ehre du verbrennst. Amen.“)

Eine besondere Bedeutung kommt dem Weihrauch in der Symbolik der Liturgie der Osternacht zu. Im Zuge der Weihe der Osterkerze reicht der Diakon dem Priester fünf Weihrauchkörner, die jener dann in die fünf Löcher der Osterkerze (die fünf Wunden Christi symbolisierend) mit den folgenden Worten eindrückt: „Per sua sancta vúlnera gloriósa custódiat et consérvet nos Christus Dóminus. Amen.“ (zu Deutsch: „Durch Seine heiligen Wunde, die wir rühmen und preisen, beschütze uns und erhalte uns Christus, der Herr. Amen.“)

  • evangelische Kirche

Von den unterschiedlichen evangelischen Kirchen hat besonders die evangelisch-lutherische Kirche, die ja ihren Ursrpung in der römisch-katholischen Kirche hat, die Verwendung von Weihrauch beibehalten. In der Epoche der Aufklärung wurde der Gebrauch von Weihrauch stark zurückgedrängt und verschwand zwischenzeitlich fast völlig (19. Jahrhundert). Besonders in den reformierten Kirchen wurde Weihrauch seit Anfang an als überflüssiger „Schmuck“ abgelehnt. Mittlerweile ist die Verwendung von Weihrauch in Form von unverbindlich rituellen Handlungen in einigen Kirchen wieder eingeführt worden und wird hierbei als Zeichen des Gebets gedeutet.

  • Ostkirchen (Orthodoxie)

In den orthodoxen Liturgien (z. B. im byzantinischen oder altorientalischen Ritus) wird der Weihrauch als Duft des Himmels gedeutet. Hierbei wurde von den Christen auf die altorientalische Vorstellung zurückgegriffen, nach der die Gottesbegegnung immer mit einem besonderen Dufterlebnis in Verbindung steht. Etliche der jüdischen Bräuche wurden vom den orthodoxen Kirchen übernommen.

Neben der Verwendung von Weihrauch und Myrrhe als Räuchermittel, gelten diese und andere Räucherstoffe auch Bestandteil des heiligen Myron-Salböls. Das Wort „myron“ (vom hebr. „mor“ bzw. „mar“ → bitter) ist die griechische Bezeichnung für Myrrhe. Das Öl wird wird im Ritus der Myron-Salbung eingesetzt, die direkt im Anschluss an die Taufe stattfindet. Früher wurden zudem neue Monarchen (Kaisern und Zaren) in der Krönungszeremonie damit gesalbt.

  • Kopten

Ebenso verwenden die Kopten den Weihrauch in ihren liturgischen Handlungen. Eine Besonderheit bei diesen ist jedoch der Brauch, dass die Vergebung der Sünden auch in Abwesenheit eines Priesters (Inhaber der Absolutionsgewalt) erlangt werden kann, wenn Weihrauch entzündet wird und man vor dem emporsteigenden Duft seine Sünden bekennt.

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Räucherwerk in Kultur & Religion

 

Quellen:

  • Berger, Rupert: Pastoraltheologisches Handlexikon; Freiburg im Breisgau 2013.
  • Braun, Joseph: Liturgisches Handlexikon; Regensburg 1924, S. 369.
  • Eisenhofer, Ludwig, Handbuch der katholischen Liturgik (2 Bände); Freiburg im Breisgau ²1941, Band 2, S. 292-302.
  • Haas, Renate / Christof, Klaus: Weihrauch: Der Duft des Himmels; Dettelbach 2006, S. 167ff.
  • Jungmann, Josef Andreas: Missarum Sollemnia. Eine genetische Erklärung der römischen Messe, 2 Bände; Wien ³1952.
  • Krumm-Heller, Arnold: Osmologische Heilkunde. Die Magie der Duftstoffe; Berlin 1955, S. 13ff.
  • Kügler, Joachim: Duftmetaphorik im Neuen Testament, In: Kügler, Joachim (Hg.): Die Macht der Nase (SBS 187), Stuttgart 2000, S. 123-172.
  • Lurz, Wilhelm: Ritus und Rubriken der Heiligen Messe; Würzburg ²1941, S. 92.
  • Onasch, Konrad: Lexikon Liturgie und Kunst der Ostkirche: unter Berücksichtigung der alten Kirche; Berlin/München 1993, 380-381.
  • Pfeifer, Michael: Der Weihrauch. Geschichte – Bedeutung – Verwendung; Regensburg 1997, S. 11-17.
  • Schott O.S.B., Anselm: Das vollständige Römische Meßbuch. Lateinisch und Deutsch, Freiburg 1961, S. 406.
  • Schwarz, Aljoscha A. / Schweppe Ronald P.: Natürlich heilen mit Weihrauch; München 1998, S. 14.
  • Wünsche, Peter: Liturgiewissenschaftliche Perspektiven, In: Kügler, Joachim (Hg.): Die Macht der Nase (SBS 187), Stuttgart 2000, S. 173-191.