Räucherwerk im Orient

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Im Alten Orient (Morgenland), der die Länder und Regionen Vorderasiens wie Mesopotamien, Persien (Iran), Anatolien, die Arabische Halbinsel und die Levante umfasst, liegt eines der Hauptzentren der menschlichen Räucherkultur.

Räucherung vor persischen König (in Persepolis)

Die arabische Halbinsel, deren südlicher Teil die echten Weihrauch-Bäume beheimatet, bildete in der Antike mit dem legendären Königreich von Saba die Keimzelle der später weit verbreiteten arabischen Duftkultur.

In Mesopotamien, das auch Zweistromland genannt wird, weil es zwischen den Flüßen Euphrat und Tigris liegt, hat über die Jahrtausende eine Vielzahl an Hochkulturen erlebt. Solche Völker wie sie z. B. die Babylonier, Assyrer, Meder, Chaldäer haben eine ausgeprägte Räucherkultur besessen, wobei wohl zumeist einheimische Räucherstoffe wie u. a. Mastix, Myrrhe oder Zedernolz in den Tempeln verwendet wurden. Anfangs war wohl den Völkern Mesopotamiens das echte Weihrauch-Harz aufgrund fehlender Seehandelsbeziehungen nach Südarabien unbkannt. Gleichwohl verfügten sie aber über ausgeprägtes Wissen hinsichtlich des heimischen Räucherwerks.

Räucherrituale bei Assyrern & Babyloniern

Arabischer Weihrauch (boswellia sacra)

So verehrte das Volk der Assyrer ihren Gottheiten, indem sie Altäre errichteten und auf diesen aromatische Gummiharze in riesigen Mengen verbrannten. Die Priester Assurs brachten ihre Räucheropfer dem Gott Baal, der Sonne, dem Mond, den Planeten und alles Gestirnen des Himmels dar. Der Bedarf an Weihrauch war hierbei so enorm groß (60 Tonnen im Jahr), das neben der Mengen aus eigener Ernte zusätzlich Harz aus umliegenden Ländern importiert werden musste. Außerdem räucherten die assyrischen Priester das Harz „Kanaktu“ (hierbei handelte es sich vermutlich um Opoponax), um Weissagungen zu treffen.
Im Mittelpunkt der Verehrung standen nach Herodot besonders Baal (bzw. Belus), dem die Assyrer in Babylon einen goßen Tempel erbauten, in dessen Inneren ein großes Standbild des Gottes aufgestellt wurde. Vor diesem Bildnis stand ein goldener Altar, auf dem die Priester jährlich 1.000 Talente (ca. 26 Tonnen) reinen Weihrauchs räucherten. Dazu trugen der Priester einen geflochtenen eckigen Korb, in dem sich die zu opferndenen Harze und Hölzer befanden.
 

Räuchermittel der Phönizier

Auch beim Handelsvolk der Phönizier (Kanaaniter), das aufgrund seiner Seetüchtigkeit berühmt und im Gebiet des heutigen Libanon beheimatet war, wurde Räucherwerk zur Ehre der Götter verbrannt. Hier war es der Gott Baal-Hammon, dem auf den Altären geopfert wurde und den die Phönizier als „Herrn des Duftaltars“ verehrten. Darüberhinaus war es Phönizien, das mittels seines ausgeprägten Seehandels Weihrauch und andere Räucherstoffe im gesamten Mittelmeerraum verbreitete.

Räucherungen bei den Persern

Seit frühester Zeit wird in Persien bereits Räucherwerk verbrannt. Anfangs glaubten die Perser an eine Vielzahl von Göttern und brachten diese Opfer dar, unter anderem auch verschiedenes Räucherwerk. Unter der Regentschaft von Darius Hystaspes (um ca. 600 v. Chr.) soll der legendäre Priester Zoroaster (auch als Zarathustra bezeichnet) in Persien mittels einer Religionsreform die Verehrung der unterschiedlichen Gottheiten und Idole abgeschafft und durch die des Feuers ersetzt haben. Seither war es für seine Priester dann Pflicht fünfmal am Tag Räucherstoffe in den Feuern auf den Altären zu verbrennen und abwechselnd die Flamme zu bewachen, damit diese niemals erlischt. Vom Perserkönig Darius I. wird zudem berichtet, dass er von den Arabern jährlich einen Tribut von 1.000 Talenten Olibanum-Harz einforderte. Übrigens soll der persische König Datis bei seinem Feldzug nach Griechenland 300 Talente Weihrauch in Delos verbrannt haben und als König Xerxes gegen die Griechen in den Krieg zog wurden bei jeder Siegesnachricht in Persien Räuchwerk verbrannt sowie die Straßen mit Myrte bestreut.

Räucherwerk bei den Arabern

Arabische Räuchergefäße

Die arabischen Stämme verfügten seit frühester Zeit über ein umfangreiches Wissen der räucherbaren Pflanzen ihrer Region. Schließlich ist die arabische Halbinsel auch die Heimat des edelsten aller Räucherharze, des echten Weihrauchs. Bereits aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. finden sich in Syrien und Palästina archäologische Belege in Form von kunstvoll gearbeiteten Räucherschalen für die Verwendung von Räucherwerk wie Weihrauch und Myrrhe. Die Römer nannten Arabien aufgrund der dortigen Herkunft des kostbaren Weihrauchharzes auch „Arabia felix – glückliches Arabien“.

  • Bedeutung von Heil- und Räucherpflanzen im Islam

Als dann Mohammed, der ein großer Freund von Düften war, den Islam begründete, sind die Araber bereits erfahrene Experten für Räucherwerk gewesen. Seine Vorliebe für Duftstoffe ist dann entsprechend auch im Koran eingeflossen, wo er seinen Anhängern Anweisungen hinsichtlich der Anwendung gibt. Der Koran enthält ein „kleines Lexikon“ zur Pflanzenheilkunde mit Hinweisen für die Verwendung von Nahrungspflanzen und Kräutern im Hinblick auf Hygiene. So empfahl der Prophet Mohammed z. B. gegen Vergesslichkeit Weihrauch einzunehmen.

  • Verwendung von Räuchermitteln

Im Sufismus wird den Gläubigen empfohlen eine angemessene Atmosphäre für Gebet und Meditation mit gutem Duft zu schaffen.

Ebenfalls werden in der arabischen Kultur Räuchermischungen für den Liebeszauber (um Paare zusammenzubringen) und zu magischen Heilzwecken verbrannt, wobei letztere verschiedene Zwecke erfüllen sollen wie Krankheiten zu heilen, Dämonen zu vertreiben sowie vor dem bösen Blick zu schützen. Beim Austreiben von bösen Geistern verbrennt der Exorzist Räucherwerk unter der Nase des Besessenen und rezitiert dabei eine arabische Beschwörungsformel.

Türkische Bedienstete mit Räucherwerk

Zudem wurde und wird auch zu besonderen Anlässen wie beispielsweise zur Geburt, Beschneidung, Hochzeit, Begräbnis oder zu religiösen Ereignissen (bestimmte Feste und Feiertage) Räucherwerk als Symbol der Danksagung verbrannt. Räuchermittel gelten im arabischen Raum schlussendlich auch als ein Zeichen der Ehrerbietung, wenn sie am Ende eines festlichen Mahles den Gästen dargeboten werden. Zudem sind sie ein Hinweis an den Gast, dass die Zeit des Besuches nun zu Ende ist. Für diese ehrenvolle Zeremonie wird ein Räucherfass herbeigeholt, das mit dem duftenden Rauch auf Kleider und Bärte gerichtet wird. Die dazu verwendeten Räuchergefäße sind aus Holz gebaut, innen mit Metall ausgekleidet, und mit einem Rohrgeflecht bedeckt.

  • Arabisches Räucherwerk

Über die Jahrhunderte hinweg hat sich in Arabien ein Vielzahl an Räucherwerk und Räucherstoffen entwickelt:

  1. Räuchermischungen: Besonders bestimmte Mischungen, die als Bakhoor bzw. Bukhoor bezeichnet werden, haben sich im arabischen Raum im Laufe der Zeit etabliert und können auf orientalischen Basaren bzw. in den Sūqs käuflich erworben werden. Solche Räuchermischungen bestehen meistens aus Holzspänen, die in duftende Öle und weitere natürliche Zutaten eingeweicht und vermischt wurden. Mehr zu den arabischen Räuchermischungen …
  2. Räuchersteine / Duftsteine: Bei dieser Form von Räucherwerk handelt es sich um kleine Würfel, die aus Paraffin, Stearin und Wachs bestehen. Diese haben im Orient bereits eine etwa 3.000 Jahre alte Tradition. Mehr zu den Räuchersteinen …
  3. Räucherstoffe: Verwendete Räucherstoffe (Räucherharze, Hölzer, Gewürze und Kräuter) in der arabischen Kultur sind u. a. Adlerholz, Amber, Benzoe, Jasmin, Koriander, Labdanum, Moschus, Myrrhe, Nelke, Rose, Sandelholz, Sandarak, Storax und Weihrauch.
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Räucherwerk in Kultur & Religion

 

Quellen:

  • Dierkens Oswald: Zur Geschichte der Parfümerie und Kosmetik, In: Dragoco Report 4/1968, S. 75-82.
  • Fischer-Rizzi, Susanne: Botschaft an den Himmel. Anwendung, Wirkung und Geschichten von duftendem Räucherwerk; München 1996, 150-163.
  • Haas, Renate / Christof, Klaus: Weihrauch: Der Duft des Himmels; Dettelbach 2006, S. 118ff.
  • Huber, Franz X.J./ Schmidt, Anja: Weihrauch, Styrax, Sandelholz. Das Erlebnisbuch des Räucherwerks; Bern – München – Wien 1999, S. 37-39.
  • Martinetz Dieter / Lohs, Karlheinz / Janzen, Jörg: Weihrauch und Myrrhe. Kostbarkeiten der Vergangenheit im Licht der Gegenwart; Berlin 1989, S. 117.
  • Pfeifer, Michael: Der Weihrauch. Geschichte – Bedeutung – Verwendung; Regensburg 1997, S. 19-20.
  • Schwarz, Aljoscha A. / Schweppe Ronald P.: Natürlich heilen mit Weihrauch; München 1998, S. 6-8.
  • Rimmel Eugene: Magie der Düfte. Die klassische Geschichte des Parfüms; Stuttgart 1993, S. 83-100, 149-168.
  • Werner, Helmut: Die Magie der Zauberpflanzen, Edelsteine, Duftstoffe und Farben; Frechen 2001, S. 295ff.