Räucherwerk in Nordeuropa

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Über eine recht lange Tradition verfügt das Räucherwerk auch in Nordeuropa. Seit frühester Zeit gibt es Spuren zur Verwendung von Räuchermitteln in der kultischen Praxis. Erst im archaischen Schmanaismus und später dann bei Kelten und Germanen war das Räuchern verbreitet.

Kelten

Räucherwerk in Nordeuropa – Keltische Druiden

Bei den Kelten waren insbesondere die Druiden und Priesterinnen für die Kommunikation mit den Götter betraut und verfügten über ein umfangreiches Wissen zur Wirkweise bestimmter Pflanzen. Nach der Seßhaftwerdung der Kelten besaß jedes Gehöft, bestehend aus bis zu 200 Personen und jeweils einem Druiden, einen eigenen Hausaltar. Dort wurden verschiedene Gaben als Opfer dargebracht, unter anderem auch in Form von Rauchopfern. In der Mitte jedes keltischen Gehöfts gab es eine große Feuerstelle, in der ebenfalls zu rituellen Zwecken unterschiedliches Räucherwerk (einheimische Pflanzen) verbrannt wurden. Archäologische Ausgrabungen förderten zudem auch diverse Harze und Hölzer als Grabbeigaben zu Tage.

Germanen

Ähnliche Bräuche finden sich auch bei den germanischen Stämmen wieder bzw. wurden entsprechend beeinflusst. Erste Belege für Räucherungen bei den Germanen, die sehr naturverbunden waren, lassen sich auf ca. 280 n. Chr. zurückdatieren. In der germanischen Kultur stand das Räuchern verschiedener einheimischer Pflanzen wie z. B. Beifuß und Wacholder im Mittelpunkt.

  • Rituelles Räuchern bei den Germanen

Besonders zur Sommersonnenwende wurde zum Vertreiben der Dämonen des Vorjahres geräuchert. Mit der Christianisierung der germanischen Stämme wurden die kultischen Räucherungen entweder als heidnisch angesehen und verboten oder inhaltlich in christlicher Weise umgedeutet.

Einige der alten keltisch-germanischen Bräuche wurden in einigen Regionen Nordeuropas wie der Alpenlandschaft Deutschlands, Österreichs und der Schweiz bis in unsere Zeit hinein an die nachfolgenden Generationen weitergegeben und als Brauchtum gepflegt. Teilweise wurden diese Bräuche christlich umgedeutet, teilweise haben sie aber auch in den ländlichen Gegenden einfach nur die Zeiten überdauert.

Es ist in diesen Gegenden beispielsweise üblich an bestimmten Tagen des Jahres, in den so genannten Rauchnächten (Rauhnächten) zum Jahreswechsel (Zeit zwischen dem Weihnachtstag und dem Dreikönigstag), die Häuser und Ställe auszuräuchern. Auf diese Weise glaubt man die auzuräuchernden Gebäude von bösen Geistern bzw. schlechten Energien reinigen zu können. Je nach Region variieren die Rituale etwas:

  • In den ländlich katholischen Regionen wird dazu eine glühende Kohle in eine Eisenpfanne gelegt und mit Räucherwerk (früher war dies der Zunderpilz „polyporus fomentarius“) bedeckt. Dann geht man räuchernd durch das Haus. Früher wurden dabei noch passende Gebete gesprochen.
  • Besonders in Süddeutschland ist es Brauch in dieser Zeit mit so genannten „Kräuterbüscheln“zu räuchern, die vor Mariä Himmelfahrt (15. August) von neunerlei Kräuter gesammelt und zu jenem Hochfest im Gottesdienst vom Priester gesegnet wurden. Die Kräuterbüschel werden im Hergottswinkel aufgehangen und bei Bedarf (spätestens in den Rauhnächten) teilweise verräuchert.
  • Germanisches Räucherwerk

Bei etlichen Ausgrabungen in den vergangenen Jahren fanden Archäologen sogenannte „Räucherkuchen“. Dabei handelt es sich um Verklumpungen von Harzen und anderen Pflanzenresten, die der Nachwelt wertvolle Hinweise auf die bei den Germanen verwendeten Räucherstoffe liefern.

  1. Räuchermischungen: Die Germanen verwendeten in jedem Fall verschiedene Mischungen von Kräutern, Harzen und Hölzern als Räuchermittel in ihren Ritualen, worauf die gefundenen „Räucherkuchen“ hindeuten. Die bekannteste bis heute überlieferte Räuchermischung ist sicherlich die „Neunerlei“-Mischung, die ins christliche Brauchtum übernommen wurde. Mehr zur Neunerlei-Räuchermischung …
  2. Räucherpflanzen: Als wichtigste heimische Räuchermittel galten den Germanen Wacholder (Zweige, Holz und Beeren wurden verwendet) sowie Beifuß und Sumpfporst. Daneben räucherten sie aber auch besonders die Harze und Nadeln von Fichten, Tannen und Kiefern, was seine Bedeutung im germanischen Baumkult hat. So galten den Germanen Bäume, Wälder und Haine als Wohnstätte von Naturgeistern, Nymphen, Feen etc. als besonders heilig und verehrungswürdig.

Räucherkultur nach der Christianisierung

Wichtigstes Räucherwerk der Germanen: Beifuß

Im weiteren Verlauf der Geschichte Nordeuropas nach der Völkerwanderung und Christianisierung des Kontinents, fand die Verwendung von Räucherstoffen hauptsächlich im Kontext der kirchlichen Liturgie (siehe „Räucherwerk im Christentum“) statt. Darüberhinaus bewahrten aber zu allen Zeiten gelehrte Menschen das Wissen zur Wirkweise der heimischen Pflanzenvielfalt, sei es in Klöstern (bspw. Hildegard von Bingen) oder an anderen Orten. Die Edda, welche im im 13. Jahrhundert im christianisierten Island niedergeschrieben wurde und die skandinavischen Götter- sowie Heldensagen zum Inhalt hat, beschreibt die Räucherung mit Baumfrüchten, um Frauen die Fruchtbarkeit zu ermöglichen.

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  • Renaissance und Neuzeit

Mit der Wiederentdeckung des heidnischen Wissens in der Renaissance, wurde das Räuchern auch außerhalb der kirchlichen Tradition wieder sehr beliebt. Die magisch-alchemistischen Schriften jener Epoche von Vertretern wie z. B. Agrippa von Nettesheim (1486-1535), Paracelsus (1493-1541) oder Carl Eckharthausen (1752-1803), die sich auf antike Autoren wie u. a. Plinius, Dioskurides beriefen, gaben in ihren Werken eine umfassende Übersicht zu Pflanzen und deren Wirkungen. Ebenso übernahmen sie auch die römische Zuordnung bestimmter Räucherstoffe zu den antiken Gottheiten und deren jeweligem Planeten-Pendant. Dieses Wissen wurde dann von den Gelehrten der nachfolgenden Generationen übernommen, umgeformt und erweitert. Besonders im Okkultismus (im 19. Jhrdt. aufgekommen) und deren verwandter Geistesrichtungen griff man auf das wiederentdeckte Wissen der Antike zurück und räucherte ausgiebig verschiedenste Harze, Hölzer und Kräuter in magischen Ritualen zu unterschiedlichen Zwecken wie Divination, Nekromantie (Beschwörung von Toten), Anrufung von Geistern, Liebeszauber etc. Dabei wurden bestimmte Räucherstoffe bestimmten Planeten und Tierkreiszeichen zugeordnet (auf Basis antiker Schriften). Zum bekanntesten magischen Rauchwerk dieser Zeit zählte u. a. Opium (Mohn), Stechapfel und Bilsenkraut, mit deren Dämpfe Visionen und Halluzinationen hervorgerufen wurden.

  • Moderne

Im Zuge der neuen Natur- und Esoterikwelle der letzten Jahrzehnte wurde das Räuchern auch gesellschaftlich populär, wobei man sich hier häufig auf eben jene okkult-magische Quellen berief, aber auch das überlieferte Wissen und Brauchtum der nicht-europäischen Kulturen und Völker aufgriff. So hat sich mittlerweile eine reiche Vielfalt an Räucherkultur auch außerhalb des kirchlichen Bereichs sowie des Arkanums bestimmter Gesellschaften und Gruppen etabliert.

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Traditionelle Räucherrituale

Eine Reihe von germanisch-keltisch-christlich Bräuchen hat sich in Mittel- bzw. Nordeuropa bis in unsere Tage erhalten und wird besonders in ländlichen Gegenden gefpflegt:

  • Rauhnächte: Das Ausräuchern von Haus und Ställen zum Jahreswechsel (Zeit zwischen dem Weihnachtstag und dem Dreikönigstag) als Schutz vor schlechten Geistern. Dazu werden traditionell die an Mariä Himmelfahrt (15. August) in der Kirche geweihten Kräuterbüschel verwendet. Mehr Informationen zu den Rauhnächten…
  • Sternsinger: In einigen Regionen überreichen die Sternsinger auch drei Weihrauchköner als Erinnerung an die Gaben der heiligen drei Könige.
  • Räuchern bei Sterbefällen: Nach einem Todesfall werden alle Räume eines Hauses/Wohnung während der Totenwache ausgeräuchert (in Süddeutschlabd verbreitet). Ebenso verbreitet ist das Inzensieren des Leichnams bei der Grablegung während einer kirchlichen Bestattung.

 

Räucherwerk in Kultur & Religion

 

Quellen:

  • Haas, Renate / Christof, Klaus: Weihrauch: Der Duft des Himmels; Dettelbach 2006, S. 203ff.
  • Fischer-Rizzi, Susanne: Botschaft an den Himmel. Anwendung, Wirkung und Geschichten von duftendem Räucherwerk; München 1996, 48-57.
  • Rätsch, Christian: Räucherstoffe. Der Atem des Drachen; Aarau (Schweiz) 2009, 10-12, 25-27.
  • Werner, Helmut: Die Magie der Zauberpflanzen, Edelsteine, Duftstoffe und Farben; Frechen 2001, S. 110ff.