Räucherwerk im Judentum / Israel

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Neben den großen Hochkulturen des Orients verfügt auch das Judentum über eine sehr alte Tradition des Räucherns.

Mein Gebet steige zu dir empor wie Weihrauch.“ (Ps 140,2)

Historische Einflüsse

Die Räucherkultur der Juden wurde vermutlich stark von den umliegenden Ländern wie Ägypten, Babylon etc. stark beeinflusst.

  • Ägypten

Sehr prägend war hierbei sicherlich die langjährige Gefangenschaft in Ägypten, wo die Hebräer mit den dortigen Räucherwaren und Kultus in Berührung kamen. Es ist davon auszugehen, dass die Israeliten vor ihrer Versklavung nur sehr spärlich Räucherwerk verwendeten und erst durch den Kontakt in Ägypten dieses stärker zu nutzen begannen. Mit dem Auszzug aus Ägypten und der Rückkehr nach Palästina adaptierten die Hebräer vermutlich einen Teil der profanen und sakralen ägyptischen Bräuche.

  • Kanaan

Ausschnitt aus der heiligen Schrift (Jesaja-Rolle)

Ebenfalls ist davon auszugehen, dass die Israeliten sich vom Kanaanäischen Räucherkult beinflussen ließen, auf den sie nach ihrer Rückkehr aus Ägypten in Kanaan gestoßen waren. Anfänglich standen sie diesem Kult wohl noch ablehnend gegenüber. Jedoch im Laufe der Zeit übernahm man das heidnische Relikt des Räucherns dann doch in den Tempel-Gottesdienst, welches vormals als Dank an die Götter für die reif gewordenen Früchte gegolten hatte sowie bei der Weihe von Fleischopfern Anwendung fand. Es wird davon ausgegangen, dass in der jüdischen Religion bereits um 1000 v. Chr. rituelle Räucherungen vollzogen wurden. Denn es gibt eine Vielzahl an Funden von Räucherpfannen, Räucherkästchen, Räuchertassen und Räucheraltären, die aus der Zeit vom ersten zum zweiten Jahrtausend stammen und somit Rückschlüsse auf eine große Verbreitung des Räucherns in dieser Zeit zulassen. Die Funde lassen zudem auf eine relativ eigenständige Entwicklung des Räucherns in dieser Region schließen.

  • Babylon

Eine weitere Zeit, die vermutlich prägend für die jüdische Räucherkultur gewesen ist, war jene des babylonischen Exils (597 – 539 v. Chr.). Im Zuge der Eroberung des gesamten Königreichs Juda (inklusive Jerusalem) durch den babylonischen König Nebukadnezar II. wurde ein Großteil der damaligen Bevölkerung (besonders die Oberschicht) nach Babylon umgesiedelt. In Babylonien, das damals eine Hochkultur war, erlangten die Hebräer wahrscheinlich weitere Kenntnisse über das Räuchern.

Bedeutung des Räucherns bei den Juden

Die Juden verwendeten Olibanum nur in ihren religiösen Ritualen bzw. Zeremonien und ein profaner Gebrauch wurde streng bestraft. Außer im Tempelkult wurde Weihrauch nur beim Speiseopfer (Lev 5,11 und 15) angewandt. Myrrhe war hingegen auch als „profanes Duftmittel“ (Parfüm und Räucherwerk) in Gebrauch. Die einzige Region, in der im alten Israel Weihrauch kultiviert wurde war der Libanon. Dieser deckte nur einen kleinen Teil des Bedarfs im jüdischen Kultus. So musste ein Großteil des Weihrauchs aus Arabien bzw. aus dem sagenumwobenen Königreich Saba über die berühmte Weihrauchstraße importiert werden.

Das Räuchern war bei den Juden ein Opfer und zeigt sich daran, dass die Darbringung des Räucherwerks durch einen Priester als Mittler auf Kohlen vom heiligen Opferfeuer des Vorhofs und über Geräte (mizbeach → Altar) geschah, die als Opferstätte charakterisiert waren.

Die Bedeutung des Räucherns bzw. ritueller Rauchopfer bei den Juden zeigt sich bereits im hebräischen Wort „ruach“ (rûaḥ → רוּחַ), das sich mit Geist, Wind, Atem bzw. Atem Gottes, aber auch mit Duft, Feuerluft oder Feuernebel übersetzen lässt. Duft und Rauch werden hier in einem engen Zusammenhang mit dem Göttlichen gesehen.

Zudem wird der Rauch von verbranntem Räucherwerk als Zeichen der Anwesenheit Gottes gedeutet. Er garantiert dessen Präsenz in seinem Heiligtum und ist zugleich Schutzmittel des Hohenpriesters vor der Gegenwart Gottes im Offenbarungszelt (vgl. Lev 16,12f.), damit dieser nicht sterbe.

In der jüdischen Opfertheologie wird mit dem Verbrennen von Räucherwerk der Kontakt zu Gott hergestellt. Der Rauch des aufsteigenden Opfers verbindet oben und unten miteinander. Auf diese Weise wird die Verbindung von Gott und Mensch zeichenhaft sichtbar gemacht.
Eine weitere Bedeutung in der Opfertheologie hat das Darbringen von Brandopfern und Räucherwerk nach Ulrike Bechmann als Mittel zur Beruhigung des Zornes Gottes. Ein Hinweis findet sich hierzu u. a. im Buch Levitikus. Dort heißt es wie folgt: „Ich mache eure Städte zu Ruinen, verwüste eure Heiligtümer und will den beruhigenden Duft eurer Opfer nicht mehr riechen.“ (Lev 26,31). Hieraus lässt sich deuten, dass die Opferhandlungen der Priester am Tempel notwendig waren, um den Zorn Jahwes vom Volk Israel fernzuhalten.

Der berühmte jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus deutet in seinen Schriften die Verwendung von Weihrauch und Räucherwerk im Kult als Zeichen der Präsenz Gottes, dass auf seine göttliche Gegenwart hinweist.

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Noahs Brandopfer

Sehr früh in der Besiedlung Palästinas durch die Juden entdeckten diese die einheimischen Räucherharze, die sie auf den zu Ehren Gottes errichteten Altären verbrannten. So dankte bereits Noah, als er unbeschadet von der großen Flut, aus der Arche stieg Gott für seine Errettung mit einem Brandopfer. Zwar berichtet das Buch Genesis an dieser Stelle noch nicht von Räucherwerk als Bestandteil dieses Opfers. Jedoch lassen die sich anschließenden Worte „und der Herr roch den lieblichen Geruch“ (vgl. Genesis 8, 21) die Verwendung solcher Räucherstoffe bereits erahnen.

Mosaisches Räucherwerk

Opfernder jüdischer Hohepriester

In späterer Zeit erhält Moses bei der Rückkehr aus der ägyptischen Gefangenschaft vom Herrn die Anweisung einen Räucheraltar zu errichten und das Räucherwerk aus bestimmten Soffen zusammen zu mischen. So sprach Gott zu Mose: „Nimm dir Duftstoffe, Staktetropfen, Räucherklaue, Galbanum, Gewürzkräuter und reinen Weihrauch, von jedem gleichviel, und mach ein Räucherwerk daraus, ein Würzgemisch, wie es der Salbenmischer herstellt, gesalzen, rein und heilig.“ (Exodus 30, 34-35).  Dieses „Räucherwerk vor dem Herrn“ (2. Mo 30,7.8) sollte beständig morgens und abends auf einem goldenen Altar in der Stiftshütte verbrannt werden. Dabei war es nur den Priestern erlaubt Räucherungen vorzunehmen. Denn der Rauch symbolisierte für die Juden den Atem und Namen Gottes. Somit war jegliche profane Verwendung von Räucherwerk untersagt (vgl. Exodus 30, 37). Bis heute ist umstritten, um welche Stoffe es sich genau bei Stakte und Räucherklaue (bzw. Onycha) gehandelt hat, die in der Räuchmischung des Mose Verwendung fanden. Bei Stakte vermutet man entweder eine Absonderung des Myrrhebaumes vor dem Einschnitt (nach Plinius) oder aber um eine mit Wasser und Origanum vermengte Myrrhe-Salbe (nach Dioskurides). Für Räucherklaue kommen ebenfalls verschiedene Stoffe in Frage: Entweder war es Labdanum, vielleicht auch die Wurzel einer Pflanze oder aber die Schale eines in den indischem Sumpfen vorkommendenen Krustentieres.

Als weitere Räucherstoffe, die allerdings nicht in den biblischen Schriften erwähnt werden, kennt die jüdische Tradition noch Costus, Myrrhe, Nardenblüten, Kassia, Safran, Cinnamom (Zimt) und Zimtrinde.

Verwendung des Weihrauchs im Alten Testament

Auch in der Kabbala sind die vier wichtigsten Bestandteile des mosaischen Weihrauchs genannt und werden symbolisch den 4 Elementen Wasser, Erde, Feuer und Luft zugeordnet. In der christlichen Lehre bedeuten sie entweder die vier Formen des Gebetes (Bitte, Fürbitte, Lobpreis und Dank) oder die für das Gebet erforderliche Gemütshaltung (Demut, Glaube, Hoffnung und Liebe).

In Exodus 30,6-10 wird uns berichtet, wann und wo im Heiligtum vom Priester Aaron geräuchert wurde. Nur Aaron und seinen Söhnen war es erlaubt diese Räucherung vor der Bundeslade vorzunehmen, weil nur sie mit dem heiligen Salböl geweiht waren (Exodus 30,30). So durfte Weihrauch unter Androhung der Todesstrafe allein für die Ehrung Jahwes verbrannt werden. Ebenfalls hatte der Hohepriester am Sühnungstag ausgewähltes Räucherwerk auf Feuerkohlen, das sich in einem Räuchergefäß befand, in das Allerheiligste zu bringen, damit der aufsteigende Rauch den Deckel auf der Bundeslade bedecke (vgl. Leviticus 16,12.13).

Weder den Leviten, und nicht einmal dem König von Israel war es erlaubt, vor dem Heiligtum zu räuchern, da sie nicht über die notwendige Schutzkleidung und Schutzsalbung verfügten (Numeri 16,1-7, 16, 24, 35 und 2 Chronik 26, 16-21).

Außerdem diente dem Priester das Räucherwerk beim Verräuchern selbst als Schutzmittel um sich vor den gefährlichen Strahlen der Bundeslade zu schützen (Levitikus 16, 12-13).

Neben der kultischen Verwendung finden wir in der Bibel auch Hinweise für die medizinische Verwendung von Räucherwerk. So verbrannten die Priester Ysop, Zedernholz und Karmesin, um auf diese Weise Aussätzige zu heilen und verseuchte Häuser zu reinigen.

Mehr zu den Räucherstoffen der Bibel …

Der Rauchopferaltar im Jerusalemer Tempel

Mit Beginn des Tempelkults in Israel erhielt auch die Verwendung von Räucherwerk eine stärkere liturgische Bedeutung. Im 1. Jerusalemer Tempel wurde im Laufe der Jahrhunderte seines Bestehens ein Rauchopferaltar aufgestellt (vermutlich erstmals um 8. Jhrdt v. Chr.). Dieser befand sich anfangs rechts vom Tempeleingang, um so einen guten Abzug des Rauchs aus dem Tempel zu gewährleisten. Ebenfalls wurde ein solcher Altar auch nach dem Babylonischen Exil im 2. Jerusalemer Tempel ab ca. 408/7 v. Chr. wieder aufgestellt (laut den mosaischen Vorschriften hatte dieser Altar direkt im Heiligtum zu stehen). An diesem Rauchopferaltar hatte der Hohepriester laut Gesetz täglich morgens bei Tagesanbruch und abends bei Sonnenuntergang Quetoret (Ketoret) als Rauchopfer zu vollziehen, zeitgleich zu dem im Vorhof vollzogenenen Lammopfer auf dem Brandopferaltar. Ebenfalls weihte man auch den Sabbat durch die rituelle Verbrennung von Olibanum, das die Hebräer „Lebonah“ nannten.
Die sich entwickelnde Exklusivität des Räucheropfers am Jerusalemer Tempel verdankte sich einerseits der Eleminierung privater Raucheropfer (die Räucherpraxis im Volk war vorher weit verbreitet) wegen der Gefahr einer Verehrung fremder Götter, die sich schnell breit machen konnte. Andererseits diente es auch dem Interesse der Priesterschaft aufgrund wirtschaftlicher Vorteile durch eine Monopolstellung (lukrative Einkünfte).
Im jüdischen Tempelkult verlagerte sich die Gewichtung des Bandopfers (Opferung von Tieren) hin zum Rauchopfer im Zuge der Hellenisierung Palästinas.

Zeit des König Salomo – Höhepunkt jüdischer Räucherkunst

Rauchopferaltar im Jerusalemer Tempel

Zur Zeit des Königs Salomo befand sich Israel auf dem Höhepunkt seiner Macht und der Handel mit allen bedeutenden Völkern der damaligen Welt führte zu Reichtum und Macht.
Das führte auch zu einem geistigen Austausch und materiellen Luxus, wie in 1 Könige 10 berichtet wurde. Die Königin von Saba brachte Unmengen an Duftstoffen wie Balsam und Weihrauch als Geschenk für König Salomo ins Land. Duftstoffe waren damals sehr kostspielig und die Juden schätzten sie sehr. Der jüdische Geschichtsschreiber Josephus (37-95 n.Chr.) berichtete, dass König Salomo 20.000 goldene und ebenso viel silberne Rauchfässer besessen habe, in denen das Räucherwerk in den Tempel getragen wurde. Dann besaß er 50.000 Rauchpfannen, in denen man das Feuer vom großen Altar zum kleinen Tempel brachte.

Mit der Errichtung des Tempels in Jerusalem durch König Salomo erreichte die Gottesverehrung bei den Juden eine neue Dimension. Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch das Räucherwerk des Mose nicht mehr im Gebrauch war, da man über eine viel größere Rohstoffpalette verfügte. So konnte man ein viel feineres Räucherwerk zusammenstellen, da der Warenaustausch mit den hochentwickelten antiken Völkern florierte. Das kommt in den oben genannten zwei Bibelstellen deutlich zum Ausdruck.

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Besamim und Hawdala

In der jüdischen Kultur gibt es heutzutage die sogenannte Besamimbüchse (von „b’somim“ → duftende Gewürze), bei der es sich um einen Gewürzbehälter zur Aufbewahrung wohl riechender Gewürze handelt und die häufig reich verziert ist. Am Ende des Sabbats wird beim Hawdala-Ritual an dieser Büchse gerochen. Das bedeutet, etwas vom besonderen Geschmack dieses Festtages in das alltägliche Leben mit hinüberzunehmen. Die Bestandteile der Gewürze unterliegen keiner festen Regel. Jedoch werden häufig Kräuter (u. a. Myrte und Zypresse) benutzt, die in den Büchern des alten Testaments erwähnt werden.
In der Hawdala- Zeremonie (auch Havdalah) wird die Trennung zwischen religiöser und profaner Welt, zwischen Licht und Dunkelheit bzw. zwischen dem Heiligem Sabbat und den anderen Tagen der Wochen gefeiert.

 

Räucherwerk in Kultur & Religion

 

Quellen:

  • Bechmann, Ulrike: Duft im Alten Testament, in: Kügler, Joachim (Hg.): Die Macht der Nase (SBS 187), Stuttgart 2000, S. 49-98.
  • Fuchs, Christine: Räuchern – im Rhythmus des Jahreskreises. Die Kraft der Natur durch achtsam gestaltete Räucherrituale im Jahreslauf erfahren; Stuttgart 2015, S. 34f.
  • Haas, Renate / Christof, Klaus: Weihrauch: Der Duft des Himmels; Dettelbach 2006, S. 133ff.
  • Huber, Franz X.J./ Schmidt, Anja: Weihrauch, Styrax, Sandelholz. Das Erlebnisbuch des Räucherwerks; Bern – München – Wien 1999, S. 58.
  • Krumm-Heller, Arnold: Osmologische Heilkunde. Die Magie der Duftstoffe; Berlin 1955, S. 9f.
  • Kügler, Joachim: Duftmetaphorik im frühen Judentum, in: Kügler, Joachim (Hg.): Die Macht der Nase (SBS 187), Stuttgart 2000, S. 111-122.
  • Martinetz Dieter / Lohs, Karlheinz / Janzen, Jörg: Weihrauch und Myrrhe. Kostbarkeiten der Vergangenheit im Licht der Gegenwart; Berlin 1989, S. 113f.
  • Pfeifer, Michael: Der Weihrauch. Geschichte – Bedeutung – Verwendung; Regensburg 1997, S. 19-31.
  • Rätsch, Christian: Räucherstoffe. Der Atem des Drachen; Aarau (Schweiz) 2009, S. 216.
  • Rimmel Eugene: Magie der Düfte. Die klassische Geschichte des Parfüms; Stuttgart 1993, S. 59-80.
  • Schwarz, Aljoscha A. / Schweppe Ronald P.: Natürlich heilen mit Weihrauch; München 1998, S. 11-12.
  • Thalhofer, Valentin: Handbuch der katholischen Liturgik; Freiburg im Breisgau 1883, Band 1, S. 683ff.
  • Werner, Helmut: Die Magie der Zauberpflanzen, Edelsteine, Duftstoffe und Farben; Frechen 2001, S. 298ff.
  • Wollner, Fred: Räucherwerk und Rituale. Die vergessene Kunst des Räucherns; Waltenhofen/Hegge 1992, S. 35-36.