Räucherwerk im alten Ägypten

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Ein altes Relief im Tempel zu Deir el-Bahari in Theben trägt eine Inschrift, in der von beladenen Transportschiffen berichtet wird, die u. a. mit kostbarem Weihrauch beladen waren, den die alten Ägypter als „Schweiß der Götter“ bezeichneten (bezogen auf die Harzperlen), der auf die Erde fiel. Die ersten nachgewiesenen Schiffsreisen, die aus dem so genannten „Weihrauchland“ Punt bzw. Ponn oder Pun (vermutlich im Hinterland des heutigen Somaliens an der Grenze zu Äthiopien gelegen) erlesene Harze wie Olibanum, Myrrhe und anderes Räucherwerk mitbrachten, lassen sich auf ca. 1500 v. Chr. verorten. Sie wurden dorthin von Königin Hatschepsut, unter deren Regentschaft die Verwendung von Räucherwerk ihren Höhepunkt fand, mit dem Ziel gesandt, einige Setzlinge der begehrten Weihrauchbäume zu ergattern.

Säulen mit Hieroglyphen

Allerdings gibt es bereits aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. archäologische und ikonographische Funde, die die kultische Verwendung von Räucherwerk (insbesondere Weihrauch) belegen. Anhand der Innenschriften der Pyramiden aus dieser Zeit lassen sich Rückschlüsse auf eine beginnende Theologie des Weihrauchs ziehen. In der ägyptischen Religion galt Weihrauch immer als Duft der Götter und war diesen vorbehalten. Die Ägypter glaubten, dass den rituellen Handlungen stets Engel beiwohnen und diese sich aber nur dort aufhalten können, wo Wohlgeruch die Luft erfüllt. Dabei zeigt sich die Bedeutung für Weihrauch und seiner engen Verbindung zum Göttlichen auch im ägyptischen Begriff für den „Geruch Gottes“ (stj-ntr). Das Verb „sntr“ bedeutet „räuchern“ und das Hauptwort „stnr“ steht für „Weihrauch“. Der Wortstamm „ntr“, der beiden Begriffen zu eigen ist, lässt sich mit „göttlich“ oder „Gott“ übersetzen. Somit kann Weihrauch als „Vergottungsmittel“ verstanden werden. Als göttlicher Schweiß ist der Weihrauch sozusagen Eigengeruch der Götter. Mit der Darbringung des kostbaren Harzes an die Götter im Kult, erhielt der Mensch nach ägyptischer Auffassung Aufnahme in die Familie der Götter, da er mit dem Weihrauchduft automatisch in den Atmosphäre des Göttlichen hineingenommen wurde. Der göttliche Duft von Weihrauch diente im täglichen Gottesdienst sowie in den speziellen Ritualen des Pharao somit als gemeinschaftstiftendes Medium zwischen Gott und Mensch.
 

Räucherrituale der Ägypter

Ein Räucherwerk opfernder Ramses III.

In Ägypten brachte man zu den verschiedensten Anlässen den Göttern Räucheropfer dar, wobei besonders Weihrauch als das edelste Räucherwerk galt. Ägyptische Priester verbrannten ständig aromatische Gummiharze und Hölzer in den Tempeln der Göttin Isis, des Gottes Osiris oder von Pasht (Pendant zur römischen Diana). Zu großen Staatsanlässen war es der Pharao höchstselbst, der die Rauchopfer vollzog, indem er eine Räucherpfanne in der einen Hand und in der anderen eine mit Wein oder parfümiertem Öl gefüllte Schnabelvase trug, die ein über den Altar zu gießendes Trankopfer enthielt. Alten Hieroglyphen ist u. a. zu entnehmen, dass Ramses I. den Göttern Weihrauch von rotem Balsam als Opfer darbrachte.

In den alltäglichen Ritualen opferte man nur Räuchermittel in Form kleiner runder Kugeln, die man in die Räucherpfanne warf. Diese Pfannen wurde gerade in der rechten Hand gehalten und nicht hin und her geschwenkt. Mit der linken Hand warf man die Räucherkugeln in die Räucherpfannen hinein. Eine Reihe von Göttern wurden auf diese Weise in Ritualen vereehrt:

  • Zu Ehren des Sonnengottes Amun-Re (auch Ammon-Ra) sowie als Opfer für den Gott Anubis wurde in den ägyptischen Zentren Memphis und Heliopolis (Sonnenstadt), dreimal täglich Räucherwerk vebrannt: Bei Sonnenaufgang Olibanum-Harz, zum Mittag Myrrhe und am Abend die berühmte „Kyphi“-Mischung. Dies berichtet bereits der griechische Geschichtsschreiber Plutarch.
  • Dem heiligen Stier Apis wurden ebenfalls Rauchopfer dargebracht. Jeder, der Ratschläge von ihm zu erhalten wünschte, war angehalten Räucherwerk auf seinem Altar zu verbrennen.
  • Auf dem großen Fest der Isis wurde ein Ochse mit Weihrauch, Myrrhe sowie weiteren duftenden Substanzen gefüllt und anschließend verbrannt.

Besonders bedeutsam waren aber auch die Prozessionen: Auf der Rückkehr von ihren Feldzügen in die Hauptstadt, kamen dem Pharao in Roben gekleidete Priester entgegen und hielten mit erlesenem Räucherwerk gefüllte Räucherpfannen in ihren Händen. Der Pharao wurde in Ägypten als Gott verehrt, weshalb man neben den vielen anderen Göttern auch ihm zu Ehren räucherte. Zudem wurde Weihrauch bei der Mumifizierung der Verstorbenen, als Heilräucherungen zum Austreiben böser Geister, bei Beerdigungen (um der Seele beim Übergang in den Himmel zu helfen) oder auch für Räucherrituale zur Reinigung von eroberten Städten verwendet.

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Bedeutung des ägyptischen Räucherwerks

Ägyptische Räucherpfannen

In den ersten Jahrtausenden war das Räucherwerk im alten Ägypten religiösen Zeremonien und den Pharaonen bzw. Priestern vorbehalten. Erst zu Beginn des Neuen Reiches unter Ramses dem III. begann die Priesterschaft die kostbaren Räucherwaren an die Oberschicht zu verkaufen. Sie wurden unter Anleitung von Priestern in besonderen Riten unter ständigem Gebet in speziellen Tempelräumen hergestellt. Die Herstellung einer bestimmten Mischung soll mehrere Monate und teilweise sogar bis zu einem Jahr gedauert haben. Dazu formte man aus den Zutaten kleine Kugeln, welche dann in Räucherpfannen bzw Räucherschalen verbrannt wurden. Das berühmteste unter den ägyptischen Räuchermitteln war die bereits erwähnte „Kyphi“-Mischung, die hauptsächlich für abendliche Räucherungen zu Ehren des Sonnengottes Re benutzt wurde. Die Räuchermischung „Kyphi“ bestand aus Harzen, Hölzern, Wurzeln, Gewürzen, Rosinen, Wein und Honig. Als Schutzgott für die Herrstellung von Räucherwerk wurd Toth verrehrt. Er gilt als Gottheit der Weisheit und Wohlgerüche.

 

Räucherwerk in Kultur & Religion

 

Quellen:

  • Dierkens Oswald: Zur Geschichte der Parfümerie und Kosmetik, In: Dragoco Report 4/1968, S. 75-82.
  • Fischer-Rizzi, Susanne: Botschaft an den Himmel. Anwendung, Wirkung und Geschichten von duftendem Räucherwerk; München 1996, 90-94.
  • Fuchs, Christine: Räuchern – im Rhythmus des Jahreskreises. Die Kraft der Natur durch achtsam gestaltete Räucherrituale im Jahreslauf erfahren; Stuttgart 2015, S. 34.
  • Huber, Franz X.J./ Schmidt, Anja: Weihrauch, Styrax, Sandelholz. Das Erlebnisbuch des Räucherwerks; Bern – München – Wien 1999, S. 29-34.
  • Krumm-Heller, Arnold: Osmologische Heilkunde. Die Magie der Duftstoffe; Berlin 1955, S. 12f.
  • Kügler, Joachim: Die religiöse Bedeutung des Dufts im alten Ägypten: Medium der Gottesnähe, in: Kügler, Joachim (Hg.): Die Macht der Nase (SBS 187), Stuttgart 2000, 25-47.
  • Martinetz Dieter / Lohs, Karlheinz / Janzen, Jörg: Weihrauch und Myrrhe. Kostbarkeiten der Vergangenheit im Licht der Gegenwart; Berlin 1989, S. 105f.
  • Pfeifer, Michael: Der Weihrauch. Geschichte – Bedeutung – Verwendung; Regensburg 1997, S. 19f.
  • Rimmel Eugene: Magie der Düfte. Die klassische Geschichte des Parfüms; Stuttgart 1993, S. 35-56.
  • Schwarz, Aljoscha A. / Schweppe Ronald P.: Natürlich heilen mit Weihrauch; München 1998, S. 10-11.
  • Wollner, Fred: Räucherwerk und Rituale. Die vergessene Kunst des Räucherns; Waltenhofen/Hegge 1992, S. 19-20.